Need for Speed: The Run
Artikel verfasst von Aljoscha Reuther am 12.12.2011
Das leben als Rennfahrer ist wohl nicht gerade rosig, gerade noch sitzt man in einem schnittigen Wagen und gewinnt irgend ein Rennen, im nächsten Moment ist man bewusstlos und wird, immerhin nach wie vor in einem schnittigen Wagen, ins Meer geworfen. Gerade noch kann man sich retten, sieht eine seltsame Frau am Dock stehen (die "Beifahrerin"), die einen direkt wieder in ein Auto setzt, um am "The Run" teilzunehmen - einem Rennen quer durch die USA. Naja... ist doch ganz alltäglich... oder?
Von Küste zu Küste
Storytechnisch ist die Need For Speed-Serie definitiv auf dem Sparkurs, und das nicht erst mit The Run. Und auch diesmal blieb scheinbar kaum Zeit für eine vernünftige Geschichte. 1 Million steht auf dem Spiel, schließlich gewinnt der Sieger des "The Run" das Geld. Zumindest den Grund für die Motivation haben wir damit schon einmal abgehakt. Die zwischendurch mit dem Holzhammer hineingeprügelten Familienfehden und Gangster-Geschichten lassen wir einmal außen vor - am besten verfahren wir so mit der gesamten Geschichte. Die ist, wie auch die Charaktere, nämlich vollkommen belanglos, stellenweise stellt sich sogar ein wenig Fremdschämen ein.Im Kern geht es eben doch nur um eines: das Autofahren. Doch darum ging es bisher immer, was macht Need For Speed - The Run nun so "anders", wie es immer beworben wurde? Ist es die Frostbite 2.0 Engine, die schon Battlefield 3 antrieb? Nein, die gibt's auf der Wii nicht. Sind es die Lizenzfahrzeuge, die wir im Spiel frei wählen können, um die schwerer werdenden Rennen zu gewinnen? Nein, in der "Storyline" bekommen wir die Wagen, die wir fahren, vorgegeben. Oder ist es die offene Spielwelt, in der wir uns frei bewegen können und genau die Rennen anwählen können, die wir gerade wollen? Nein, die gibt es beim Rennen quer durch die USA ebenfalls nicht. Aber... was ist es dann?
Nun, The Run präsentiert sich wie ein Actionstreifen. Während wir durch die vereinigten Staaten rasen, kommen uns immer wieder diverse Gegner in die Quere. Mal ist es der Ex-Kumpel, dessen Schwester wir auf dem Gewissen haben (weil sie in unserem Auto gestorben ist, das sie selbst vorher gestohlen hat - gute Begründung, oder?), mal ist es eine seltsame Transportfirma, die uns von der Strecke drängen will - und manchmal ist es die Polizei.
Zwar fahren wir immer noch die Strecken entlang und versuchen viele gegnerische Fahrer hinter uns zu lassen, doch in jedem Rennen gibt es mehrere Action-Sequenzen. Da heißt es: schnell den riesigen Steinen auf der Straße ausweichen, den Turbo aufladen, um über eine unvollendete Brücke zu springen, oder einen waschechten U-Turn durchzuführen, um unsere entwischte Beifahrerin zu erwischen. Oder eben die Polizei oder andere zwielichtige Gestalten gegen die Bande drängen, um sie dann endgültig auszuschalten.
Das klingt vielleicht nicht schlecht, wenn man es sich so anhört (oder eher: liest), aber die Actionsequenzen entwickeln sich sehr schnell zur Geduldsprobe. Nicht nur, dass der kleinste Fehler sofort mit dem Aus bestraft wird; sind unsere Leben aufgebraucht (ja, wir haben 3 Leben pro Rennen, manchmal kommt noch ein Bonusleben dazu), dürfen wir das gesamte Rennen noch einmal von vorn beginnen.Wie läuft so ein Rennen genau ab? Vorweg gesagt: es gibt weder Drift- noch Rundkursrennen, um es kurz zu machen: wir fahren in The Run nur noch von A nach B. Meist gibt es einen fliegenden Start, das heißt: unser Auto fährt bereits, wenn wir die Kontrolle übernehmen. Dann geht es durch recht schöne, aber detailarm gestaltete Landschaften. Zwischendurch kommen wir an anderen Teilnehmern des "The Run" vorbei, insgesamt gibt es 150. Unsere Hauptaufgabe: Alle 150 auf der Strecke von Ost nach West überholen und Erster werden. Mit anderen Worten: während der Rennen müssen wir nur die paar Autos, die auf der Strecke herumfahren, überholen, um weiter in der Rangfolge zu steigen. Klassische Gegner, wie sie in anderen Rennspielen vorkommen, gibt es nicht mehr.
Irgendwann kommt dann besagte Actionsequenz - wenn nicht das gesamte Rennen aus solch einer besteht. Eine Mission, zum Beispiel, besteht darin, 16 Gangsterautos auszuschalten. Jedes Auto hat eine "Lebensanzeige", wir müssen besagtes Gefährt oft genug rammen oder abdrängen, um es zu zerstören. Sind die 16 Gangster besiegt, geht's ins Ziel. In anderen Fällen schwebt ein Polizeiheli über uns und ballert aus dem (hässlichen) Maschinengewehr. Während das Auto von selbst fährt, müssen wir nur nach rechts und links ausweichen.
Verfolgt von Überschallautos
An Gegnernachschub mangelt es übrigens nicht. Polizisten, Gangster und die anderen Fahrer werden nämlich wie an einem Gummiband hinter uns her gezogen. Vor allem die ersten beiden Gegnertypen scheinen absolute Traumautos zu besitzen. Während wir mit unserem Boliden mit 340 (und mehr) über die Straßen rasen, könnte man eigentlich meinen, dass Polizisten und so ziemlich jedes andere "Ding" auf diesem Planeten das Nachsehen haben. Falsch gedacht, denn selbst wenn wir unseren Nitro-Blast einsetzen, der unsere Geschwindigkeit noch einmal drastisch erhöht (400+), ziehen die Gegner an uns vorbei wie ein Formel 1 Wagen an einer Rollator-Oma.Generell sind sehr viele der Ereignisse während des Rennens schlicht und einfach Fake, wenn ich dieses eingedeutschte Wort einmal benutzen darf. An immer der selben Stelle treffen wir auf die selben Gegner, die immer die selben Aktionen ausführen. Müssen wir jemanden Verfolgen, oder als besseres Beispiel vor diesem fliehen, schließt er immer an der selben Stelle auf und fällt an anderer Stelle zurück, bevor dann am Ende irgend ein Ereignis kommt, was sämtliche Anstrengungen der Flucht ohnehin sinnlos macht.
Ein Beispiel aus dem Spiel: wir fliehen vor einem Irren, der eine Waffe auf uns richtet. Nachdem der Bolide des Gegners innerhalb von Sekunden zu uns aufgeschlossen hat, während wir mit 280 über eine Landstraße düsen (und kurz zuvor noch einen dicken Vorsprung hatten), schießt er auf uns und wir müssen den Schüssen ausweichen. Ist die Actionsequenz vorbei, gewinnen wir wieder mehr Land zwischen uns - bei gleicher Geschwindigkeit auf gerader Strecke. Der Gegner fällt immer mehr zurück, wir denken uns "Super, gleich hab' ich das Ziel erreicht, und das noch bevor die Strecke vorbei ist! Perfekt!", als auf einmal der Balken, der den Abstand zwischen uns anzeigt, wieder auf uns zu wandert – und schon ist der Schießwütige wieder hinter uns, bevor er wieder zurückfällt. Kurze Zeit später kommt ein verlassener Minenstollen. In einer weiteren Actionsequenz machen wir einen gewagten U-Turn, unser Gegner fliegt in den Stollen hinein - Rennen vorbei.
Nach diesem kurzen Exkurs wieder zurück zum Thema. Neben den Gummibändern sind auch die logischen Fehler im Spiel nicht zu übersehen. Unsere Beifahrerin klaut unserem Fahrer, der übrigens Matt heißt, die Schlüssel, und haut mit dem Gefährt, mit dem wir die vorherigen Rennen bestritten haben, ab. Auf dem Parkplatz finden wir einen weiteren Wagen, mit dem wir sie verfolgen. Das neue Auto bekommt Spitzengeschwindigkeiten von satten 350 km/h auf den Tacho, besser als das Gestohlene, da war nämlich bei 290 schluss. Moment mal... warum fährt uns die Dame dann uneinholbar davon?! Nun, das ganze könnte man noch mit sehr schnellem Tuning erklären, denn scheinbar versteht die Lady etwas von Autos. Viel unverständlicher ist es da, dass die Autos, die den Gegenverkehr darstellen sollen, teilweise scheinbar auf der Strecke stehen. Dass das nicht auffällt hat einen Grund: wir können praktisch nicht stehen bleiben. Ein wohl gut gemeintes Feature schickt uns, sobald wir nach einer Kollision an Geschwindigkeit verlieren, direkt wieder mit mindestens 160 auf die Strecke zurück. Als Kollision reicht dabei, dass wir die Leitplanken an der Seite der Strecke nur leicht berühren.Neben der Hauptgeschichte, die recht schnell abgeschlossen ist (in 4-5 Stunden ist die Story, inklusive Zwischensequenzen, abgehandelt), schalten wir auch nach und nach die Herausforderungen frei. Im Prinzip sind diese Herausforderungen nochmal die selben Rennen, die wir schon zuvor bestritten haben, allerdings können wir diesmal die Autos, mit denen wir fahren, selbst aussuchen. Und da kommt auch etwas altes NFS-Feeling auf, denn hier warten die typischen Lizenzfahrzeuge auf uns (unter anderem ein Golf 1 GTI, der aber auch 280 km/h fährt), die wir, wenn auch sehr beschränkt, sogar tunen können.
Doch auch hinter diesem Spielmodus versteckt sich nicht gerade viel mehr Spielspaß als hinter der Hauptgeschichte, trotz selbst wählbarer Fahrzeuge.
Technischer Rückschritt
Vor einiger Zeit kündigte EA groß an, Need For Speed neu beginnen zu wollen. Die großen Originale sollten weiterhin für den PC und die NextGen-Konsolen erscheinen, während die Wii eine eigene Serie erhalten sollte. Das ganze begann mit dem recht erfreulichen Titel Need for Speed Nitro, der in unserem Test durchaus überzeugen konnte und vor allem eine klasse Grafikleistung auf die Wii brachte.Doch mit den Plänen für eine eigene Wii-Serie ist es vorbei, genau so wie mit der erfreulichen Optik des Titels. Need For Speed: The Run sieht zwar nicht hässlich aus und läuft absolut flüssig, doch grafische Highlights, wie sie noch bei Nitro gezeigt wurden, sucht man beim neuen Titel vergebens. Matschige und verwaschene Texturen, detaillose Fahrzeuge und Spielwelten und klobige Objekte sind nur einige der Negativpunkte, die der flüssigen Framerate und recht wenigen Bildfehlern gegenüberstehen. Actionmäßig sind die Bullet-Time-Slowdowns, die eintreten, wenn wir eine Actionsequenz betreten oder einen Gegner aus dem Feld rammen. Das Problem: wenn diese Sequenzen, in denen wir keine Kontrolle über das Auto selbst haben, enden, rasen wir unweigerlich in die nächste Ecke oder Leitplanke, da die Steuerung in diesem Fall zu langsam reagiert, um das sprichwörtliche Ruder noch herum zu reißen.
Auch der Sound steht den Vorgängerversionen auf der Wii um einiges nach. Zwar sind die Musikstücke, die entweder aus rockigeren Liedern oder kräftigen Drum 'n' Bass Liedern bestehen, absolut passend für die Rennsituationen und auch schön anzuhören, allerdings ist die Musikqualität nicht wirklich hoch und an vielen Stellen übersteuert die Soundkulisse merklich, es folgt ein unschönes knacken und knistern im Lautsprecher. Die Geräusche der Autos gehen gerade noch so in Ordnung, dagegen sind die gesprochenen Szenen, wohl auch wegen der sinnfreien und, Entschuldigung, dämlichen Dialoge, nicht wirklich hochwertig. Zum Glück kann man die Zwischensequenzen abbrechen, wenn man keinen Wert auf die Geschichte legt.
Die Steuerung hingegen ist ein kleiner Lichtblick. Sowohl mit der Wii-Fernbedienung (mit angeschlossenem Nunchuk) als auch mit dem Classic Controller lassen sich die Wagen im Spiel ordentlich fahren und lenken, lediglich die Steuerung der Actionsequenzen lässt zu wünschen übrig, nach ein paar Probeläufen hat man aber auch diesen Teil der Bedienung raus. Insgesamt fehlen aber Feedback und wirkliche Unterschiede im Handling der Fahrzeuge für ein gutes Spielgefühl - alle Fahrzeuge fahren sich gleich, mit Ausnahme der Geschwindigkeiten natürlich.Was noch übrig bleibt ist der Mehrspielermodus. Hier verzichtete EA auf einen Online-Multiplayer und lieferte stattdessen einen klassischen Split-Screen Modus für bis zu vier Spieler. Viel gibt es dazu auch nicht mehr zu sagen - es ist das selbe Spiel, nur dass wir eben noch mit ein paar Freunden fahren können.
Insgesamt muss man den Ansatz, den EA bei The Run verfolgt, durchaus loben, denn richtig eingesetzt könnten die Actionsequenzen vielleicht sogar den Spielspaß noch anheben. Zudem kann man das Spiel nicht unbedingt als "Unspielbar" bezeichnen, denn die Rennen gehen recht flott und schnell von der Hand. Allerdings fehlt im Titel die Abwechslung, immer nur von A nach B zu fahren macht spätestens nach dem 10. Rennen keine Laune mehr.
Aljoscha Reuther meint...
Scheinbar kommt die Need For Speed-Serie nicht mehr aus dem Loch heraus, in das sie irgendwann einmal gefallen ist. Auch das neue Prinzip von The Run, mehr Action in die Rennen zu bringen, misslingt auf der Wii. Spielspaß sucht man mit der Lupe und regt sich höchstens über die dummen Dialoge zwischen Matt und "der Beifahrerin" auf, wünscht sich ein Auto mit Gummibandfunktion und sehnt sich nach der Zeit, als man sich in Underground 2 durch eine tolle Stadt geschlagen hat, um seinen selbst ausgesuchten Wagen immer besser und besser zu machen. The Run ist weder ein gutes Rennspiel noch ein halbwegs gutes Actionspiel, es steckt irgendwo dazwischen in einer Sackgasse fest, in die sich, auch wenn das Hart klingt, hoffentlich nicht noch mehr Spiele verirren werden.
Scheinbar kommt die Need For Speed-Serie nicht mehr aus dem Loch heraus, in das sie irgendwann einmal gefallen ist. Auch das neue Prinzip von The Run, mehr Action in die Rennen zu bringen, misslingt auf der Wii. Spielspaß sucht man mit der Lupe und regt sich höchstens über die dummen Dialoge zwischen Matt und "der Beifahrerin" auf, wünscht sich ein Auto mit Gummibandfunktion und sehnt sich nach der Zeit, als man sich in Underground 2 durch eine tolle Stadt geschlagen hat, um seinen selbst ausgesuchten Wagen immer besser und besser zu machen. The Run ist weder ein gutes Rennspiel noch ein halbwegs gutes Actionspiel, es steckt irgendwo dazwischen in einer Sackgasse fest, in die sich, auch wenn das Hart klingt, hoffentlich nicht noch mehr Spiele verirren werden.

GRAFIK
Hässliche und verwaschene Texturen und Objekte, zudem kaum Effekte. Aber dafür ruckelt das Spiel nicht.
Hässliche und verwaschene Texturen und Objekte, zudem kaum Effekte. Aber dafür ruckelt das Spiel nicht.

SOUND
Gute und passende Hintergrundmusik, allerdings insgesamt recht schlechte Audioqualität. Die Dialoge der Sprecher sind "dürftig"
Gute und passende Hintergrundmusik, allerdings insgesamt recht schlechte Audioqualität. Die Dialoge der Sprecher sind "dürftig"

BEDIENUNG
Gute Steuerung per Fernbedienung + Nunchuk oder Classic-Controller, allerdings gibt es keine Unterschiede zwischen den einzelnen Fahrzeugen.
Gute Steuerung per Fernbedienung + Nunchuk oder Classic-Controller, allerdings gibt es keine Unterschiede zwischen den einzelnen Fahrzeugen.

UMFANG
Die Kampagne ist in wenigen Stunden durchgespielt, die Herausforderungen nur nochmal eine Wiederholung. Jedes Rennen geht von A nach B, keine Rundkurs- oder Driftrennen mehr, Abwechslung höchstens durch verschiedene Actionsequenzen. Kein Online-Modus.
Die Kampagne ist in wenigen Stunden durchgespielt, die Herausforderungen nur nochmal eine Wiederholung. Jedes Rennen geht von A nach B, keine Rundkurs- oder Driftrennen mehr, Abwechslung höchstens durch verschiedene Actionsequenzen. Kein Online-Modus.
SPIELSPASS
Misslungener Action-Renn-Mischmasch
* kein Durchschnitt der einzelnen Kategorien
Misslungener Action-Renn-Mischmasch
* kein Durchschnitt der einzelnen Kategorien
Informationen zum Spiel

Genre
Rennspiel
Entwickler
Firebrand Games
Publisher
Electronic Arts
Releasedatum
17.11.2011
USK-Freigabe

» Weitere Infos zum Titel
Rennspiel
Entwickler
Firebrand Games
Publisher
Electronic Arts
Releasedatum
17.11.2011
USK-Freigabe

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