Alice im Wunderland
Artikel verfasst von Aljoscha Reuther am 26.04.2010
Momentan können sich Kinogänger absolut nicht beklagen – die 3D-Filme sprengen schon das Programm. Mit Alice im Wunderland hat sich nun Tim Burton dem alten Klassiker von Lewis Carroll angenommen und seine ganz eigene Fortsetzung zum Original gebastelt. Klar, dass zu diesem Film natürlich auch ein Spiel erscheint. Doch wie schneidet der interaktive Ausflug ins Wunderland ab?
Sieh' mal da, ein weißes Kaninchen...
Die reise ins Wunderland beginnt abermals mit dem Auftauchen vom „großen weißen Kaninchen“, dem wohl ständig unter Zeitdruck stehenden McTwisp, der Alice abermals ins Wunderland bringt. Alice ist mittlerweile allerdings zum Teenager herangewachsen und hat ihre Erinnerungen an das Wunderland verloren, sodass ihr alles neu vorkommt. Kein Wunder also, dass Mallymkun, die Kämpfermaus, deutliche Zweifel daran hat, dass Alice die richtige ist. Doch für mehr bleibt keine Zeit, denn der Tag der Entscheidung rückt immer näher. Während Alice erwachsen wurde, hat sich nämlich auch einiges im Wunderland geändert. Die rote Königin unterdrückt das gesamte Land, und niemand kann etwas gegen sie ausrichten, denn sie hat den Jabberwocky unter Kontrolle, ein furchtbares, drachenähnliches Wesen, der nahezu unbesiegbar ist.Und genau deshalb brauchen die letzten aufständischen Bewohner des Wunderlandes Alice, denn in einer Prophezeiung wird sie als diejenige genannt, die den Jabberwocky besiegt. Zusammen mit McTwisp, Mallymkun, dem Märzhasen, der Grinsekatze und natürlich dem verrückten Hutmacher begibt sich Alice auf eine gefährliche Reise durch das Wunderland, um das Mrutalschwert und die magische Rüstung zu finden, immer verfolgt von den bösen Kartensoldaten der roten Königin.
Wie man schon merkt, haben sich die Entwickler recht genau an Burton's Vorlage gehalten, um ein gutes Action Adventure auf der Wii abzuliefern. Und das ist auch gelungen, zumindest teilweise, der Titel bringt frischen Wind in die Reihen der eher dürftigen Filmumsetzungen auf der Wii.
Alice steuern wir im Spiel übrigens nicht, sie läuft nur als Anhängsel hinter uns her, das bei Angriffen beschützt werden will und leider alles kommentiert, was wir im Spiel so machen.
Die Spielbaren Figuren sind die eben schon erwähnten Aufständischen, die der roten Königin Parole bieten wollen. Jeder von ihnen hat dabei eigene Talente, die wir im Spiel gezwungenermaßen immer wieder einsetzen müssen. McTwisp (das weiße Kaninchen) kann die Zeit anhalten und so Gegenstände zum Stillstand bringen, der Märzhase hingegen setzt seine Psychokinese ein, um Dinge in der Spielwelt umher fliegen zu lassen. Die Grinsekatze kann unsichtbares sichtbar machen (und umgekehrt) und der verrückte Hutmacher kann durch Perspektivenveränderung neue Wege schaffen. Aktiviert wird diese Spezialfähigkeit, wenn etwas in der Spielwelt in der jeweiligen Farbe des Charakters leuchtet, wir mit dem Cursor der Wii-Fernbedienung darauf zeigen, auf dem Nunchuk die Z-Taste drücken und dann die Fernbedienung schütteln. Das funktioniert soweit auch ganz gut, allerdings ist das Schütteln ab und an etwas ungenau.
Mallymkun, die Kampfmaus, ist die einzige ohne Spezialfähigkeit, kann dafür aber am schnellsten und effektivsten Kämpfen. Zwar können all unsere Charaktere mehr oder weniger gut auf die Feinde einschlagen, jedoch ist die Maus hierbei am schnellsten und am wenigsten zu treffen.
Das bringt uns direkt zum nächsten Thema: die Feinde.
Der angriffslustige Kartenstapel
Wie schon aus den diversen Adaptionen von Carroll's Geschichte bekannt, sind die Soldaten der roten Königin Spielkarten mit Kopf und Gliedmaßen. Im Spiel haben sie zudem noch eine starke Panzerung, die erst einmal durchbrochen werden muss. Allerdings taucht das aggressive Kartenspielvolk nicht zufällig auf, sondern verwickelt uns immer wieder in Kampfsequenzen. In diesen Kampfsequenzen tauchen dann auf einmal herzförmige Portale auf, aus denen dann Gegner stürmen. Meistens in mehreren Wellen, nachdem wir eine Schar der Gegner geplättet haben, kommt die nächste. Es geht allerdings nicht nur darum, die Karten aus ihren Rüstungen zu prügeln, denn einer der Soldaten kommt meistens auf die Idee, Alice zu packen und sie zum nächsten Portal zu schleppen, wo ein weiterer bereits wartet um sie in Empfang zu nehmen. Alice schafft es zwar immer, sich loszureißen und sich außen am Herz festzuhalten, doch in diesem Fall müssen wir sofort zum Herz sprinten um sie wieder heraus zu ziehen (durch triggern der B-Taste). Schaffen wir es nicht bzw. kommen wir zu spät, ist das Spiel vorbei – ein klassisches Game Over – und wir starten wieder am Anfang des Kampfes.Allerdings lässt sich das ganze recht leicht verhindern, denn wir müssen den räuberischen Herzbuben einfach nur einmal attackieren, um Alice aus seinen Armen zu schlagen. Diese versteckt sich dann schnell wieder und wir können weiter kämpfen. Sind alle Gegner besiegt, verschwinden die Portale und wir bekommen eine Zusammenfassung spendiert. Je nach dem, wie viele Charaktere wir eingesetzt haben, wie oft wir getroffen wurden oder gestorben sind, gibt es Punkte auf unser Konto. Sterben bedeutet in diesem Fall, dass wir alle Punkte aus unserer Herzleiste verloren haben. Passiert dies, löst sich unser jeweiliger Charakter auf und kommt sofort danach wieder (direkt im Kampf), wir verlieren lediglich 1000 Kristallpunkte, die wir aber überall durch das zerschlagen von Truhen, Gräsern... und eigentlich allem anderen im Spiel wieder reinholen können. Klassische „Leben“ gibt es also nicht, ein Game Over durch „sterben“ ist praktisch unmöglich.
Um einmal bei Alice zu bleiben – wie man sicherlich schon hören konnte, ist das Mädchen nicht wirklich eine Bereicherung für das Spiel. Als Anhängsel mit Pubertätsproblemen kommt es noch gerade so durch, aber um es ehrlich zu sagen: die Tusse nervt tierisch. Ständig kommentiert sie alles was wir machen, egal ob wir mit dem Hutmacher die Perspektive einsetzen („Du hast eine besondere Art, die Dinge zu sehen, Hutmacher“) oder mit McTwisp die Zeit anhalten („Du setzt nur deine Uhr ein, und alles steht still. Unglaublich“), ständig kommt irgend ein recht unmotiviert klingender Kommentar „aus dem Off“, weil Alice meistens irgendwo hinter uns her rennt. Zudem redet sie immer wieder davon, dass alles nur ein Traum sei, selbst dann, wenn wir nach ca. 8-9 Stunden Spielzeit praktisch vor dem Jabberwocky stehen. Wenn es nicht gerade um sie gehen würde, wäre Alice im Spiel vollkommen fehl am Platz. Die Zeit, in der sie im Schloss der roten Königin festsitzt und uns nicht hinterherrennen kann, ist ein wahrer Segen.Apropos Schloss der Königin, ich habe noch gar nichts zur Spielwelt gesagt – ein großer Fehler, denn das Spiel gehört bisher mit zu dem besten, was ich auf der Wii gesehen habe. Die Spielwelt des Wunderlandes ist faszinierend Detailreich und sieht dazu noch großartig aus, egal ob wir weitläufige Wiesen, dichte Wälder oder bizarre Zwischenwelten bereisen, die Grafik des Spieles lässt die Erinnerungen an eine „Konsole mit Technik von gestern“, wie die Wii ja oftmals bezeichnet wird, vergessen, und das bei einer sehr stabilen Framerate. Lediglich die „Charaktere mit Haut“ wirken ab und an etwas kantig, bei den felligen Mitstreitern sieht alles wunderbar aus, selbst Fell schafft die Engine ohne große Probleme. Lediglich das Schloss der roten Königin, in dem wir auch herumlaufen, wirkt etwas steril und detailarm, und gerade hier geht die Engine seltsamerweise doch etwas in die Knie.
Alles andere funktioniert reibungslos, egal ob Glow- und Blendeffekte oder die wirklich interessanten Perspektive-Ansichten des Hutmachers, diese Engine hätte ich gerne öfters in Spielen gesehen. Auch die verschiedenen Charakteranimationen sind wunderbar flüssig.
Auch das Design der Spielwelt lässt nichts zu wünschen übrig, gerade die Bereiche des „klassischen Wunderlandes“ (also Wälder und Sümpfe) sind bis zum kleinsten Blatt hin mit viel Liebe zum Detail ausgearbeitet worden, warum dann hinterher beim Schloss der roten Königin gespart wurde, ist mir allerdings schleierhaft.
Edeloptik mit Stimmkatastrophen
Über die Grafik habe ich mich ja bereits zu Genüge gefreut, nun holen wir das Spiel einmal auf den Boden der Tatsache zurück. Denn leider hat Disney hier an einer entscheidenden Stelle gespart und nicht die Originalsprecher der Figuren aus dem Film ins Boot geholt. McTwisp hat zum Beispiel die Stimme von Spongebob. Lediglich die Figur des Hutmachers scheint die original Synchronstimme von Johnny Depp bekommen zu haben, allerdings sind die Dialoge generell eher öde und langweilig. Besonders Dideldum und Dideldei hätten getrost aus dem Spiel heraus gelassen werden können, die beiden streiten sich eindeutig mit Alice um den Posten der größten Nervensägen im Spiel. Dass an einer guten Lokalisierung gespart wurde merkt man vor allem daran, dass einige Laute, die man ab und an von den Charakteren hört, aus der englischen Originalversion übernommen wurden und sich teilweise direkt mit den deutschen überschneiden. Die Musik und Soundeffekte hingegen sind stimmig und qualitativ in Ordnung.
Einen Multiplayer hat das Spiel übrigens auch, allerdings nur lokal – was aber nicht weiter schlimm ist. Ein zweiter Mitspieler steuert hier einen weiteren Charakter aus dem Team, es laufen also immer zwei Figuren auf dem Bildschirm herum. In Kämpfen kann dies zwar ganz nützlich sein, jedoch übernimmt der zweite Mitspieler meistens die Funktion des Kristalle-Einsammelns (wie zum Beispiel bei Super Mario Galaxy). Eher dürftig, aber immerhin ausgereift und zeitweise durchaus spaßig.
Insgesamt ist den Entwicklern mit dem neuen Alice-Spiel durchaus eine Überraschung gelungen, die vor allem in der Optik zu überzeugen weiß. Die Spielzeit von ca. 8-10 Stunden ist zwar recht kurz ausgefallen, allerdings hat das Spiel während der Spielzeit relativ wenig Durchhänger in der Stimmung. Klar, einige Spielabschnitte könnten besser durchdacht sein, und der ständige, gezwungene Wechsel der Spielfiguren nervt mit der Zeit schon etwas, jedoch stimmt das Grundkonzept. Was die Wertung klar wieder herunter zieht ist die Nervensäge Alice und die grauenhafte Lokalisierung des Spieles, da wäre ein englischer O-Ton mit Untertiteln vielleicht die bessere Wahl gewesen. Auch die Steuerung könnte manchmal etwas genauer sein, aber zumindest wurde auf Fuchtelorgien in den Kämpfen verzichtet.
Aljoscha Reuther meint...
Vom Film war ich begeistert, was viele meiner Bekannten und Freunde nicht wirklich nachvollziehen konnten – aber ich liebe Burton's Stil und Art. Und zu meiner großen Freude durfte ich das ganze auch im Videospiel finden, gepaart mit der wohl besten Optik, die ich bisher auf der Wii gesehen habe.Leider zieht die Lokalisierung wieder alles in den Keller, und Alice ging mir bereits nach einer halben Stunde derart auf die Nerven, dass ich sie am liebsten direkt an den Jabberwocky verfüttert hätte. Dennoch war ich absolut positiv überrascht von dem, was Disney hier abgeliefert hat – bitte mehr davon!
Vom Film war ich begeistert, was viele meiner Bekannten und Freunde nicht wirklich nachvollziehen konnten – aber ich liebe Burton's Stil und Art. Und zu meiner großen Freude durfte ich das ganze auch im Videospiel finden, gepaart mit der wohl besten Optik, die ich bisher auf der Wii gesehen habe.Leider zieht die Lokalisierung wieder alles in den Keller, und Alice ging mir bereits nach einer halben Stunde derart auf die Nerven, dass ich sie am liebsten direkt an den Jabberwocky verfüttert hätte. Dennoch war ich absolut positiv überrascht von dem, was Disney hier abgeliefert hat – bitte mehr davon!

GRAFIK
Das Spiel glänzt mit wunderbaren Details und einer klasse Grafik auf der Wii, allerdings tauchen genau da, wo man sie nicht erwartet - im sterilen Schloss - Ruckler und Detaileinbußen auf. Warum?
Das Spiel glänzt mit wunderbaren Details und einer klasse Grafik auf der Wii, allerdings tauchen genau da, wo man sie nicht erwartet - im sterilen Schloss - Ruckler und Detaileinbußen auf. Warum?

SOUND
Hintergrundmusik und Sounds sind stimmig, die schlechte Synchronisation, die zudem auch noch ohne die Originalstimmen gemacht wurde, nervt allerdings ohne Ende.
Hintergrundmusik und Sounds sind stimmig, die schlechte Synchronisation, die zudem auch noch ohne die Originalstimmen gemacht wurde, nervt allerdings ohne Ende.

BEDIENUNG
Das Spiel verzichtet auf großartige Fuchteleinlagen und Handgelenksakrobatik, ist allerdings dann ab und an auch etwas ungenau.
Das Spiel verzichtet auf großartige Fuchteleinlagen und Handgelenksakrobatik, ist allerdings dann ab und an auch etwas ungenau.

UMFANG
Wunderbar gestaltete und abwechslungsreiche Welten, verpackt in leider nur 8-10 Stunden reiner Spielzeit - inklusive Geheimnisse suchen.
Wunderbar gestaltete und abwechslungsreiche Welten, verpackt in leider nur 8-10 Stunden reiner Spielzeit - inklusive Geheimnisse suchen.
SPIELSPASS
Überraschend gutes Adventure mit Edeloptik
* kein Durchschnitt der einzelnen Kategorien
Überraschend gutes Adventure mit Edeloptik
* kein Durchschnitt der einzelnen Kategorien
Informationen zum Spiel