Alice im Wunderland
Artikel verfasst von Sascha Geldermann am 09.04.2010
Der britische Schriftsteller Lewis Carroll ließ Alice bereits 1865 durch ein Kaninchenloch in das Wunderland fallen. Das vielschichtige Buch begeistert seitdem Kinder genauso wie Erwachsene und wurde auf unterschiedlichste Weisen interpretiert. Sei es 1951 als kindlicher Disney-Trickfilm oder im Jahre 2000 von American McGee als düsteres Videospiel. Nun hat sich Regisseur Tim Burton der Geschichte angenommen und eine Art Fortsetzung in die Kinos gebracht, die sich auf dem Nintendo DS nachspielen lässt.
Wunderland in Einzelteilen
Das Wunderland ist am Ende. Die Soldaten der roten Königin überfallen die Bewohner und der monströse Jabberwocky reißt das Land in Stücke. Die einzige Hoffnung ist Alice, die vor vielen Jahren als Kind ins Wunderland geriet und dort viele Abenteuer erlebte. Daher macht sich das weiße Kaninchen McTwist mit seiner Taschenuhr auf in unsere Oberwelt und holt die nun jugendliche Alice zurück. Die Geschichte des Spiels gleicht in ihren Grundzügen der des Films, wie die Verpackung der Nintendo DS-Umsetzung verrät, wurden die Entwickler aber nur „inspiriert durch den Tim Burton Film“, sodass sie sich nur lose an die Vorlage halten und ihren eigenen Weg gehen.
Alice reist dabei durch ein düsteres 2D-Wunderland, das wie ein Puzzle in Einzelteile zerfallen ist.
Die vielen einzelnen Abschnitte sind dabei durch Türen verbunden, von denen die meisten anfangs aber noch nicht betreten werden können, da viele Orte des Wunderlandes einfach fehlen. Erst wenn ihr neue Puzzleteile findet und auf der Weltkarte passend anlegt, werden neue Orte zugänglich. Euer erstes Ziel sollte es somit sein, alle Puzzleteile zu finden und das gesamte Wunderland wieder zusammenzusetzen. Danach könnt ihr euch dann um den Jabberwocky kümmern, mit dessen Tod auch die Macht der roten Königin schwinden würde.
Während Alice in der Filmvorlage als Hauptperson agiert, wird sie auf dem Nintendo DS zum Nebencharakter degradiert. Im Mittelpunkt stehen vier andere Charaktere, von denen anfangs nur das weiße Kaninchen McTwist spielbar ist. Die Steuerung ist dabei durchdacht und eigentlich sehr komfortabel. Berührt eine Stelle und schon rennt und springt McTwist dorthin. Zieht ihr den Stylus vertikal über den Touchscreen, führt das weiße Kaninchen einen Schlag aus, bei einer horizontalen Bewegung stürmt es nach vorne. Andere Figuren müssen nur angetippt werden, um im besten Fall angesprochen oder bei unangenehmeren Begegnungen angegriffen zu werden. Die Steuerung könnte mir ihrer Einfachheit ein Traum sein, wenn es da nicht gelegentliche Aussetzer gäbe. So müsst ihr beim Springen auf höhere Ebenen oft mehrmals auf die gewünschte Stelle tippen, bevor McTwist endlich versteht, wo er hin soll.
Alice hat ein sonniges Gemüt und folgt euch ohne Fragen zu stellen. Normalerweise rennt sie euch automatisch hinterher, kann per Berührung aber auch zum Stillstehen verdonnert werden. Anders als McTwist schafft es Alice nicht alleine, über weite Abgründe zu springen oder hohe Hindernisse zu erklimmen. In diesen Situationen muss McTwist daher erst einmal vorgehen und Alice dann rüber- bzw. hochhelfen. Zu lange allein lassen dürft ihr sie dabei nie, da ansonsten ein roter Strudel auftaucht und Alice einsaugt. Und wenn ihr dann nicht schnell handelt, heißt es „Game Over“. Was Leon in Resident Evil 4 also für Ashley war, ist McTwist bei diesem Spiel für Alice. Das Beschützen der armen Alice ist aber leider alles andere als unterhaltsam. Nicht nur, dass die Kleine ein nerviger Klotz an eurem plüschigen Bein ist, sie ist auch nicht ganz helle. Die KI hat immer wieder ihre Macken, sodass Alice schon mal von gerade erklommenen Plattformen wieder herunterspringt oder einfach mal stehen bleibt und auf kein Rufen mehr reagiert.
Vier Helden für ein Halleluja
Die Steuerung hat ihre kleinen Aussetzer und eure Beschützerfunktion kann nerven – „Alice im Wunderland“ ist aber dennoch eines der besten Lizenzspiele der vergangenen Jahre. Das liegt vor allem daran, dass die Entwickler sehr viele frische Ideen hatten. Interessant ist beispielsweise die Weltkarte, die wie ein Puzzle zusammengesetzt werden muss. Vor allem, da einige Puzzleteile auch an mehreren Stellen passen, sodass ihr durch geschicktes Umlegen Abkürzungen erschafft. Und auch die Rätsel stellen euch vor kreative Aufgaben, bei denen immer wieder auf das Mikrofon zum Einsatz kommt. Mit ein bisschen Puste lassen sich nicht nur Kartensoldaten der roten Königin umblasen, sondern auch Windmühlen antreiben und Segelboote bewegen.
Den größten Charme bezieht das Spiel aber eindeutig aus dem geschickten Einsatz von vier verschiedenen Charakteren, zwischen denen jederzeit gewechselt werden kann. Dem weißen Kaninchen schließen sich nach und nach noch die Raupe Absolem, die Grinsekatze und der verrückte Hutmacher an. Jede dieser vier Figuren bringt besondere Fähigkeiten mit, die ihr mit Köpfchen einsetzen müsst, um zahlreiche Rätsel zu lösen. So kann die Grinsekatze beispielsweise unsichtbare Gegenstände sichtbar machen, während Absolem die Schwerkraft kontrolliert. Das weiße Kaninchen hat sogar Macht über die Zeit. So spult es die Zeit vor, um Bäume wachsen zu lassen, oder zurück, damit kaputte Brücken wieder einen begehbaren Zustand annehmen. Die Fähigkeiten sind passend auf die Helden abgestimmt und es gibt viele Möglichkeiten sie einzusetzen, sodass die Rätsel abwechslungsreich, kreativ und unterhaltsam sind.
Auch in den Kämpfen kann jeder Charakter mit individuellen Fertigkeiten auftrumpfen. Wenn der Hutmacher seine Gegner schrumpfen lässt oder McTwist einfach die Zeit anhält, muss sich Alice keine allzu großen Sorgen um ihre Sicherheit machen. Während kleinere Gegner frei in den Leveln herumlaufen, springen die Soldaten der Königin stets unerwartet und in Gruppen aus roten Strudeln, um euch anzugreifen. Das Kampfsystem ist nicht besonders komplex. Um einen Gegner zu schlagen, müsst ihr ihn einfach nur antippen. Spaß machen die Kämpfe aber dennoch, da es verschiedene Arten von Feinden gibt, die alle einen anderen Schwachpunkt haben. Greifen euch Soldaten mit einem großen Schild an, müsst ihr euch hinter sie rollen und von hinten angreifen. Will euch ein Gegner dagegen mit einem Rammangriff überrumpeln, gilt es diesen mit eurem Schild abzuwehren und sofort Konter zugeben. Außerdem warten auch einige Bossgegner auf euch, bei denen die vier Helden all ihre Fähigkeiten einsetzen müssen, um nicht auf dem Schlachtfeld zu fallen.
Kurzes Abenteuer im 2D-Wunderland
„Alice im Wunderland“ ist kein besonders langes Spiel. Nach sechs Stunden solltet ihr euch den Jabberwocky vorgeknöpft haben. Doch diese sechs Stunden sind gut gefüllt mit interessanten Rätseln und spannenden Kämpfen, denen ihr euch mit vier verschiedenen Charakteren stellt. Sammelfreudige Spieler können die Spielzeit außerdem noch etwas strecken, wenn sie die Levels aufmerksam nach versteckten Bonusbildern durchsuchen. Eine gründliche Erforschung aller Orte empfiehlt sich eh, da in Truhen auch zusätzliche Herzen für mehr Lebensengerie warten und auch Verlängerungen für die grüne Leiste am Bildschirmrand, die sich leert, wenn die Figuren ihre Fähigkeiten einsetzen. Einen Mehrspieler-Modus gibt es leider nicht, der sich für ein kooperatives Spiel eigentlich angeboten und der Langzeitmotivation sicherlich gut getan hätte.
Das komplett in zwei Dimensionen gehaltene Spiel überzeugt nicht nur in spielerischer Hinsicht, sondern zaubert auch eine wunderschöne Grafik auf den Bildschirm. Die 2D-Optik mag vielleicht nicht besonders viel Hardware-Power beanspruchen, das Design der Spielwelt und der Figuren ist aber genial. Das Wunderland wirkt düster, aber immer auf eine liebevolle augenzwinkernde Art und Weise. Und die Charaktere wurden besonders liebevoll gestaltet, wobei die Entwickler auch auf kleine Details geachtet haben. So zieht das weiße Kaninchen Alice mit seiner Taschenuhr aus Strudeln und wenn die Grinsekatze dem blonden Mädchen auf eine höher gelegene Ebene hilft, hält sie Alice ihren Schwanz hin, damit diese sich daran festhalten kann.
Auch auf einen ordentlichen Soundtrack haben die Entwickler viel Wert gelegt. Während eine Sprachausgabe komplett fehlt oder sich besser gesagt auch wenige Laute beschränkt, schallt die Musik geradezu episch auf den Lautsprechern. Insgesamt ist das Design stimmig und gelungen. Besonders beeindrucken ist es, dass das Design den Spagat schafft, den auch das Buch so berühmt machte - nämlich den zwischen Kinderfreundlichkeit und maroder Düsternis.
Sascha Geldermann meint...
Das Wunderland ist doch immer wieder für eine Überraschung gut: Während mich als großer Fan des Buches der Film enttäuscht hat, konnte mich dieses Spiel von der ersten Minute an faszinieren. Mit einer stimmigen Mischung aus bekannten Adventure-Elementen, vielen frischen Ideen und einem wundervollen Grafik-Stil ist „Alice im Wunderland“ definitiv eines der besten Lizenzspiele, die ich jemals gespielt habe.
Das Wunderland ist doch immer wieder für eine Überraschung gut: Während mich als großer Fan des Buches der Film enttäuscht hat, konnte mich dieses Spiel von der ersten Minute an faszinieren. Mit einer stimmigen Mischung aus bekannten Adventure-Elementen, vielen frischen Ideen und einem wundervollen Grafik-Stil ist „Alice im Wunderland“ definitiv eines der besten Lizenzspiele, die ich jemals gespielt habe.

GRAFIK
Das fantastisches Design täuscht über die technische Einfachheit problemlos hinweg.
Das fantastisches Design täuscht über die technische Einfachheit problemlos hinweg.

SOUND
Die Musik sorgt für die richtige Stimmung. Schade, dass es aber keine richtige Sprachausgabe gibt.
Die Musik sorgt für die richtige Stimmung. Schade, dass es aber keine richtige Sprachausgabe gibt.

BEDIENUNG
Die Steuerung ist durchdacht und komfortabel, kämpft aber mit gelegentlichen Aussetzern.
Die Steuerung ist durchdacht und komfortabel, kämpft aber mit gelegentlichen Aussetzern.

UMFANG
Mit vier individuellen Charakteren geht es durch ein relativ kurzes Abenteuer.
Mit vier individuellen Charakteren geht es durch ein relativ kurzes Abenteuer.
SPIELSPASS
Überraschend unterhaltsame Reise durch das Wunderland.
* kein Durchschnitt der einzelnen Kategorien
Überraschend unterhaltsame Reise durch das Wunderland.
* kein Durchschnitt der einzelnen Kategorien
Informationen zum Spiel