Overlord: Dark Legend
Artikel verfasst von Sascha Geldermann am 31.07.2009
Irgendetwas läuft gewaltig schief im Lande Grüntal: Das Volk hungert, Halblinge überfallen die Dörfer und bösartige Kreaturen treiben ihr Unwesen. Der alte Herzog von Gromgard ist zu alt und zu schwächlich, um wieder Ordnung in dieses Chaos zu bringen. Doch eine Wende steht bevor: Ein Overlord wird sich erheben, um das Land an sich zu reißen und alle Feine zu zerschmettern.
Dunkler Befehlshaber
Der Overlord ist niemand anderes als der jüngste Spross von Gromgard. Als der alte Herzog eine Abenteuerfahrt antritt und sich die beiden älteren Kinder der Familie um die Macht über Grüntal streiten, erfährt dieser nämlich seine Bestimmung. Er wurde vom Bösen ausgesucht, um bewaffnet mit einer Streitaxt und begleitet von treuergebenen Schergen das Land zu erobern, damit dieses endlich wieder von fähigen Händen regiert wird. Der Herzogssohn zögert keine Sekunde, nimmt sein Schicksal an und bricht so zu einem Eroberungsfeldzug auf.
Die Reise führt den Overlord über grüne Wiesen und dunkle Wälder, in die Mienen der Zwerge und das Reich der Elfen. Die Geschichte dreht sich um die Eroberung des Landes und einen Krieg, den der Overlord noch für seine Zwecke nutzen wird. Doch auch wenn mit Rhianna Pratchett, der Tochter des Scheibenwelt-Autors Terry Pratchett, eine berühmte Schriftstellerin für die Story verantwortlich ist, kann die Geschichte nicht vollkommen mitreißen. Sie ist zwar ein netter Rahmen und unterhält immer wieder mit dunklem Humor, bleibt aber auch recht oberflächlich und verzichtet auf große Überraschungen.
Faszinierend ist „Overlord: Dark Legend“ aber dennoch. Es macht einfach Spaß als dunkler Herrscher mit der Streitaxt alles kurz und klein zu hauen. Und vor allem macht es Spaß, die Schergen zu kontrollieren. Schließlich dreht sich das Gameplay um diese durchgedrehten Wesen, die euch treuergeben sind und ein bisschen aussehen wie Gremlins auf Drogen. Sie sammeln Gegenstände für euch ein, schieben Hindernisse aus dem Weg und stürzen sich aufopfernd in den Kampf. Nicht umsonst wird „Overlord“ oft als „Pikmin in böse“ bezeichnet.
Die Steuerung könnte dabei kaum einfacher sein. Zeigt mit der Wii-Remote einfach auf ein Objekt, ein Hindernis oder einen Gegner und auf Knopfdruck schwärmen eure Diener aus, um eure Befehle unverzüglich in die Tat umzusetzen. Aussetzer, bei denen die Schergen ihr Ziel nicht erreichen oder seltsam umständliche Laufwege einschlagen, gibt es zwar, sind aber sehr selten. Insgesamt überzeugt die Steuerung also, da sie eine einfache, direkte und genaue Kontrolle über die Schergen bietet. Der Overlord und die Wii passen perfekt zusammen.
Eine ungewöhnliche Armee
Mit fünf braunen Schergen fängt der Overlord sehr klein an. Im Laufe seines Eroberungsfeldzuges wächst seine kleine Armee aber auf 25 Mann heran. Außerdem kommen noch drei weitere Farben oder besser gesagt Rassen dazu. Die Herausforderung von „Overlord: Dark Legend“ liegt darin, die Eigenarten der einzelnen Rassen gezielt einzusetzen. So sind braune Schwergen starke Kämpfer, die allerdings Feuer, Gift und Wasser schutzlos ausgeliefert sind. Die roten Wesen sind zumindest gegen Feuer immun, was ihnen auch ermöglicht, Flammen zu löschen und Feierbälle zu schleudern, die Feinde und Hindernisse gleichsam in Brand setzen. Gift überstehen dagegen nur die grünen Schergen, die sich außerdem unsichtbar machen können, um Gegner aus dem Hinterhalt zu überfallen. Und zu guter Letzt schließen sich blaue Mitstreiter der Gruppe an, denen Wasser nicht anhaben kann und die sogar die Gabe besitzen, gefallene Mitstreiter wiederzubeleben. Wenn Feuer, Gift oder Wasser euer Vorankommen erschweren, solltet ihr also die richtigen Schergen einsetzen – und schon hält auch keine Naturgewalt mehr auf.
Schergen könnt ihr an Schergenportalen rekrutieren, die überall in Grüntal verteilt sind. Dafür wird allerdings Lebenskraft benötigt, die besiegte Gegner und getötete Tiere in Form von Energiekügelchen hinterlassen. Ihr tauscht an den Schergenportalen also Energiekugel gegen Schergen ein, bis eurer Vorrat an Lebenskraft aufgebraucht oder die Maximale Zahl an Schergen erreicht ist. So könnt ihr die Zahl eurer Untergebenen zwar immer wieder aufstocken, wenn ihr im Kampf Verluste hinnehmen musstet, weswegen ihr sie aber nicht gleich als Kanonenfutter missbrauchen solltet. Schließlich rüsten sich die Schergen mit gefundenen Gegenständen automatisch aus und gewinnen somit auch immer mehr an Kraft, was als Hordenstärke angezeigt wird. Neugeborene Schergen starten mit einer Stärke von 100%, die sich mit der Zeit durch immer bessere Ausrüstung vervielfachen kann. Wer seine Untergebenen strategisch einsetzt und Verluste vermeidet, wird also durch eine stärkere Truppe belohnt.
Die Schergenportale sind in den Abschnitten fair verteilt und befinden sich meistens in der Nähe von Wegpunktportalen. Die Wegpunkportale sind wiederum untereinander verbunden, sodass ihr schnell zwischen bereits besuchte Orte wechseln könnt. Unnötige Laufwege gibt es dank eines intelligenten Leveldesigns aber eh nicht. Ein Wermutstropfen ist dabei nur der recht lineare Ablauf. Ihr bekommt eigentlich immer ein festes Ziel vorgegeben und den dazugehörige Ort auf eurer Karte markiert. Der Weg dorthin verläuft dann meistens sehr gerade und lässt leider nur wenig Platz für Erforschungen.
Dafür wird die Welt aber von vielen seltsamen Kreaturen und Persönlichkeiten bevölkert. Die Zwerge und Elfen erfüllen alle Klischees und selbst prominente Märchengestalten wie Rotkäppchen lassen sich blicken. Infos zu allen Lebewesen, egal ob Freund oder Feind, können interessierte Spieler im Lexikon nachlesen, das auch Infos über Objekte enthält und abgeschlossene Missionen noch einmal zum Nachlesen zusammenfasst. So könnt ihr viel über eure Gegenüber erfahren, während die Nebencharaktere im Spiel selbst leider blass bleiben. Immerhin erhaltet ihr in seltenen Fällen Sidequests von ihnen. Doch selbst wer sich allen Nebenaufträgen annimmt, wird die Geschichte rund um den jungen Overlord nach spätestens acht Stunden abschließen – was für ein Spiel dieses Genres enttäuschend ist.
Zu viel Macht
Neben dem geringen Umfang hat „Overlord: Dark Legend“ noch ein zweites Problem, das weitaus gewichtiger ist. Im Gegensatz zu anderen Ablegern der Serie richtet sich der Schwierigkeitsgrad nämlich eindeutig unerfahrene Spieler. Im Klartext heißt das: Das Spiel ist viel zu leicht! Dafür gibt es verschiedene Gründe. Erstens verlangen die Kämpfe nicht so viel Taktik von euch ab, wie es die unterschiedlichen Schergenrassen ermöglicht hätten. Nur selten müsst ihr sie gezielt einsetzen – meistens reicht es jedoch völlig aus, mit der Wii-Remote auf einen Feind zu zielen und ihm alle Schergen auf den Hals zu hetzen.
Zweitens ist es viel zu leicht, Lebenskraft zu sammeln, mit der sich Schergen rekrutieren lassen. Es gibt schließlich jede Menge Gegner und auch zahlreiche fast wehrlose Tiere, von denen ihr diese Energiekugeln bekommen könnt. Es ist wahrlich kein großes Kunstwerk bis zum Ende des Spiels einen Vorrat im viertstelligen Bereich anzulegen. Was macht es da schon noch aus, wenn ein Scherge stirbt? Klar, gegen die Kanonenfutter-Mentalität spricht, dass eure Kämpfer mit der Zeit stärker werden. Doch die Kämpfe sind so einfach, dass ihr sie auch mit schwächeren Schergen problemlos gewinnen könnt. Zwar müsst ihr dann ein paar Verluste in Kauf nehmen – aber die könnt ihr wie gesagt problemlos am nächsten Schergenportal wieder durch neue Schergen ersetzen.
Und drittens könnt ihr eure Fähigkeiten viel zu schnell verbessern. In der Schmiede des Schlosses lassen sich nämlich stärkere Waffen und Rüstungen für den Overlord herstellen, sowie die Stärke der Schergen dauerhaft erhöhen. Alles was dafür von euch verlangt wird, sind lächerlich kleine Goldbeträge, die ihr schnell zusammenkratzen könnt. So seid ihr schon recht früh auf der Höhe eurer Macht, was die Kämpfe noch einfacher macht. Die einfachen Kämpfe, die schier unendliche Zahl an Schergen und die quasi hinterhergeworfenen Aufrüstungen zerren zusammen stark an der Motivation. So faszinierend es auch ist, mit Streitaxt und Schergenarmee durch eine böse Märchenwelt zu ziehen – es fehlt einfach die Herausforderung.
Der Overlord: Beschützer und Tyrann
Der Overlord selbst nimmt eigentlich nur eine Rolle als Befehlshaber ein. Er kann zwar auch selbst mit seiner Streitaxt und später auch mit anderen Waffen in die Kämpfe eingreifen, richtet aber vergleichsweise wenig Schaden an. Es ist deutlich klüger, sich im Hintergrund zu halten, seine Schergen zu koordinieren und ab und zu einen Zauber einzusetzen. Hier wird von Blitzen über Versteinerungen bis hin zu Schutzschilden das volle Magie-Repertoire geboten, mit dem ihr euren Schützlingen unter die Arme greifen könnt.
Freundlich seid ihr als Overlord aber sicherlich nicht. So müssen es die Schergen immer wieder hinnehmen, dass ihr sie packt und kräftig durchschüttelt, um sie daraufhin als lebende Bombe in Hindernisse oder Gegner rennen zulassen. Dabei explodieren eure Diener mit solcher Wucht, dass keine Barriere euch mehr aufhalten kann und ihr eure Feinde sicher in den Tod reißt. Wenig zu lachen haben die Schergen auch an Blut- und Managruben, an denen ihr sie opfern könnt, um eure Lebensengerie und euren Manavorrat aufzufrischen.
Ansonsten stehen die Schergen im Vordergrund, während der Overlord sich eher zurückhaltend gibt. Ähnlich wie Nintendos Link redet er auch nicht und überlässt lieber den anderen Charakteren die bissigen Kommentare. Die Sprachausgabe ist dabei an sich sehr gelungen. Die Sprecher schaffen es perfekt, die maroden Charaktere zu verkörpern und den schwarzen Humor zu vermitteln. Leider ist die Sprachausgabe aber komplett in Englisch gehalten. Das ist vor allem deswegen schade, da es viele hektische Situationen gibt, in denen ihr die deutschen Untertitel nur schwer lesen könnt. Außerdem wiederholen sich gerade die Kommentare der Schergen so häufig, dass sie euch mit der Zeit nerven werden. Nichts auszusetzen gibt es dagegen an den wirklich gelungenen Soundeffekten und der stets passenden Musik.
Grafisch macht „Overlord: Dark Legend“ eigentlich eine Menge her. Grüntal sieht idyllisch aus und glänzt überall mit hübschen Lichteffekten, liebevollen Details und herrlich schrägen Charakteren. Doch leider gibt es immer wieder Probleme mit der Framerate, sodass das Bild an manchen Stellen richtig heftig zu ruckeln beginnt. Das macht den Titel natürlich längst nicht unspielbar – das Ruckeln zerstört die idyllische Optik aber beinahe genauso, wie der Overlord die Idylle des Märchenlandes.
Sascha Geldermann meint...
Ich fühle mich verdammt wohl in meiner Rolle als Overlord. Mit meiner Streitaxt, mächtigen Zaubern und natürlich meinen treuergeben Schergen stürze ich das Märchenland in wundvolles Chaos und nehme es mit Zwergen, Elfen und Wölfen auf. Dank perfekter Steuerung werden all meine Befehle unverzüglich von meinen vielseitigen Dienern umgesetzt, sodass mich kein Hindernis aufhalten kann. Schade nur, dass es mir meine schwächlichen Feinde allesamt so verdammt einfach machen – das kann einem fast den ganzen Spaß verderben!
Ich fühle mich verdammt wohl in meiner Rolle als Overlord. Mit meiner Streitaxt, mächtigen Zaubern und natürlich meinen treuergeben Schergen stürze ich das Märchenland in wundvolles Chaos und nehme es mit Zwergen, Elfen und Wölfen auf. Dank perfekter Steuerung werden all meine Befehle unverzüglich von meinen vielseitigen Dienern umgesetzt, sodass mich kein Hindernis aufhalten kann. Schade nur, dass es mir meine schwächlichen Feinde allesamt so verdammt einfach machen – das kann einem fast den ganzen Spaß verderben!

GRAFIK
Die hübsche Grafik strotzt vor Details, muss aber mit heftigen Framerate-Problemen kämpfen.
Die hübsche Grafik strotzt vor Details, muss aber mit heftigen Framerate-Problemen kämpfen.

SOUND
Die englische Sprachausgabe ist gut, leidet aber unter ständigen Wiederholungen.
Die englische Sprachausgabe ist gut, leidet aber unter ständigen Wiederholungen.

BEDIENUNG
Die Steuerung funktioniert hervorragend. Nur ganz selten gibt es Aussetzer.
Die Steuerung funktioniert hervorragend. Nur ganz selten gibt es Aussetzer.

UMFANG
Nach sechs bis acht Stunden ist das Abenteuer schon vorbei.
Nach sechs bis acht Stunden ist das Abenteuer schon vorbei.
SPIELSPASS
Ein faszinierend böses Wii-Debüt – aber warum so einfach?
* kein Durchschnitt der einzelnen Kategorien
Ein faszinierend böses Wii-Debüt – aber warum so einfach?
* kein Durchschnitt der einzelnen Kategorien
Informationen zum Spiel